Die Messe des Gottlosen
Balzac zeichnet in „La Messe de l’athée“ den großen Chirurgen Desplein, der als kompromissloser Atheist gilt und doch heimlich viermal im Jahr eine Messe feiern lässt – aus Dankbarkeit für den einfachen, tief religiösen Wasserträger Bourgeat, der ihm einst das Medizinstudium ermöglichte. Die Novelle zeigt, wie stark moralische Bindung und Dankbarkeit sein können, selbst dort, wo Glaube und Weltbild völlig auseinandergehen – und sie basiert erkennbar auf dem historischen Pariser Chirurgen Guillaume Dupuytren, nach dem die Dupuytren’sche Erkrankung benannt ist.
In der Novelle „La Messe de l’athée“ („Die Messe des Atheisten“) aus der Comédie humaine schildert Balzac eine Episode aus dem Leben des berühmten Pariser Chirurgen Desplein, der als radikaler Atheist und kompromisslos rationaler Geist gilt. Sein ehemaliger Schüler und Freund, der junge Arzt Horace Bianchon, kennt ihn als spitzzüngigen Kritiker der Religion, der kirchliche Riten offen verhöhnt. Umso größer ist Bianchons Verwunderung, als er Desplein eines Tages zufällig dabei beobachtet, wie dieser frühmorgens in die Kirche Saint-Sulpice eilt, allein an einer Messe teilnimmt und sich dabei in einer fast demütigen Andacht versenkt.
Bianchon entscheidet sich, ihm unauffällig zu folgen, und stellt fest, dass Desplein nicht nur anwesend ist, sondern die Messe selbst bestellt und bezahlt hat. Als Bianchon später den Priester befragt, erfährt er, dass diese Messe viermal im Jahr – zu Beginn jeder Jahreszeit – im Auftrag des berühmten Chirurgen gelesen wird. Der Gegensatz zwischen dem erklärten Gottesleugner und seinem regelmäßigen Messbesuch lässt Bianchon keine Ruhe. Erst Jahre später, als ihr Verhältnis enger und Desplein schwerer zugänglich geworden ist, findet sich eine Gelegenheit, ihn direkt auf dieses Rätsel anzusprechen.
ÄBeim gemeinsamen Essen lenkt Bianchon das Gespräch bewusst auf die katholische Messe, die Desplein wie gewohnt als fromme „Farce“ und geschichtlich blutige Erfindung der Kirche attackiert. Gerade in diesem Moment insistiert Bianchon behutsam und fragt, wie ein solcher Atheist gleichzeitig seit Jahren fromm an einer Messe teilnehmen und sie aus eigener Tasche finanzieren könne. Desplein reagiert zunächst schroff, ringt dann aber mit sich und beginnt schließlich, seinem Schüler die Geschichte zu erzählen, die den Kern der Novelle bildet.
Als junger Medizinstudent lebte Desplein in größter Armut auf einem schäbigen Dachboden in Paris. In demselben Haus wohnte ein älterer, einfacher Wasserträger aus der Auvergne namens Bourgeat, tief gläubig, aber kaum des Lesens kundig. Als Desplein wegen Mietrückständen aus dem Haus geworfen wird, beschließt Bourgeat spontan, mit ihm zu gehen, und organisiert für beide gemeinsam eine neue, wenn auch bescheidene Unterkunft. Von diesem Zeitpunkt an entwickelt sich zwischen dem frommen Handwerker und dem skeptischen Studenten eine stille, aber außerordentlich intensive Bindung: Bourgeat teilt sein karges Essen, sorgt für Ruhe zum Lernen, übernimmt körperliche Arbeiten wie das Holzspalten und legt jeden überschüssigen Franc zurück, um Despleins Studium und Examensgebühren zu finanzieren.
Ohne diesen „zweiten Vater“, wie Desplein ihn später nennt, hätte er die medizinische Laufbahn nicht geschafft. Als der Ruhm dann einsetzt und Desplein zu einem der angesehensten Chirurgen von Paris aufsteigt, versucht er, etwas von der empfangenen Hilfe zurückzugeben: Er richtet Bourgeat eine bessere wirtschaftliche Grundlage ein, kauft ihm Pferd und Wagen, damit dessen Arbeit als Wasserträger erträglicher und einträglicher wird. Doch als Bourgeat schwer erkrankt, stößt selbst Despleins chirurgische Kunst an Grenzen. Zwar gelingt es ihm, den Freund einmal zu retten, im folgenden Jahr aber erliegt dieser derselben Krankheit. Bourgeat stirbt in den Armen des Arztes, erfüllt von schlichter, aber fester Hoffnung auf Gott und das ewige Leben.
Für Desplein ist dieser Tod ein Wendepunkt: Er bleibt intellektuell Atheist, erkennt aber, dass sein ganzes irdisches Glück auf der Opferbereitschaft eines Mannes beruht, dessen einziges Kapital sein Glaube war. Aus einem tiefen Gefühl von Dankbarkeit und Schuld beschließt er, Bourgeat ein Denkmal zu setzen, das zu dessen religiöser Welt passt. Er widmet ihm seine erste medizinische Schrift und stiftet darüber hinaus viermal im Jahr eine Messe für seine Seele in Saint-Sulpice, der Kirche, in der Bourgeat oft gebetet hatte. Während der Messe rezitiert Desplein die Gebete „in der Haut“ seines Freundes, wie er es nennt – als könne er für diesen glauben, obwohl er selbst innerlich nicht glauben kann.
Bianchon erkennt, dass Despleins Haltung zur Religion komplexer ist, als sein Spott vermuten ließ: Er bleibt über weite Strecken der Überzeugung treu, dass die Messe theologisch eine „Farce“ sei, opfert aber dennoch Zeit, Geld und einen Teil seines inneren Stolzes, um der Spiritualität Bourgeats gerecht zu werden. Die Erzählung endet mit einem leisen Fragezeichen: Bianchon, der Desplein später bis zu dessen letztem Atemzug begleitet, will nicht mit Sicherheit behaupten, dass der große Chirurg tatsächlich als reiner Atheist gestorben sei. Die Möglichkeit, dass die Treue zu Bourgeat und die jahrelangen „Messopfer“ in ihm doch einen verborgenen Rest von Glauben geweckt haben, bleibt bewusst offen – als ironische und zugleich rührende Pointe eines Textes, der auf einem realen Vorbild beruht: dem berühmten Chirurgen Guillaume Dupuytren, dessen schroffe Persönlichkeit und klinische Brillanz Balzac in der Figur Desplein literarisch verarbeitet.
Quellen
[1] die Messe des Atheisten von Balzac https://religionsphilosophischer-salon.de/keys/die-messe-des-atheisten-von-balzac
[2] La Messe de l’athée – Wikipedia https://en.wikipedia.org/wiki/La_Messe_de_l’ath%C3%A9e
[3] La Messe de l’athée », La Chronique de Paris, 3 janvier 1836 https://books.openedition.org/apu/17553
[4] La Messe de l’athée – Forage https://forage.com/book/372752
[5] La Messe de l’athée https://static1.lecteurs.com/files/ebooks/feedbooks/1887.pdf
[6] Die menschliche Komödie – Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Die_menschliche_Kom%C3%B6die
[7] Wenn der Atheist den Christen liebt. Zu einer aktuellen … https://religionsphilosophischer-salon.de/6674_wenn-der-atheist-den-christen-liebt-zu-einer-aktuellen-novelle-von-honor-de-balzac_buchhinweise/philosophische-buecher
[8] Honoré de Balzac – Die Messe des Atheisten https://www.youtube.com/watch?v=Bw-o7-RBthU
[9] La Messe de l’athée by Honoré de Balzac https://www.goodreads.com/book/show/20699552
[10] La messe de l’athée https://beq.ebooksgratuits.com/balzac/Balzac_42_La_messe_de_lathee.pdf
[11] der text die Messe des Atheisten – Religionsphilosophischer Salon https://religionsphilosophischer-salon.de/keys/der-text-die-messe-des-atheisten
[12] Honoré de Balzac – AnthroWiki https://anthrowiki.at/Honor%C3%A9_de_Balzac
[13] La Messe de l’athée, La Comédie Humaine – Honoré de Balzac (AudioBook FR) https://www.youtube.com/watch?v=sWPfnUTqd-c
[14] Balzac – Anton Bettelheim – Projekt Gutenberg https://projekt-gutenberg.org/authors/anton-bettelheim/books/balzac/chapter/4/
[15] La Messe de l’athée – Ligaran; de Balzac, Honoré – Schreiber https://www.schreibers.ch/detail/ISBN-2244008329598/Ligaran/La-Messe-de-lath%C3%A9e